Wussten Sie schon,…
…dass am 28. Oktober 1821 alle Kirchengemeinden im Großherzogtum Baden das Vereinigungsfest zur Kirchenunion feierten?
Vor 100 Jahren schrieb der damalige Wieslocher Pfarrer Karl Arnold:
„Was ich über die Kirchenunion in Wiesloch zu sagen weiß, verdanke ich den Mitteilungen des vor 12 Jahren im Alter von 94 Jahren verstorbenen noch reformiert getauften Schlossermeisters Peter Lamerdin, der als sechsjähriges Kind die Union noch erlebt hat.
Er erzählte, an einem Tag – es war der 28. Oktober 1821 – sei die reformierte Gemeinde mit Pfarrern und Kirchenvorstehern und mit der Schuljugend aus ihrer, d.h. der jetzigen Kirche, in feierlicher Prozession zu der lutherischen Kirche in der Blumengasse gezogen, habe dort die lutherische Gemeinde abgeholt zu dem ersten gemeinsamen Gottesdienst in der nun gemeinsamen Kirche und habe dann auch zum ersten Mal das heilige Abendmahl so gefeiert, wie wir es jetzt feiern.“
…dass ein lutherischer Pfarrer aus Schatthausen der „Stammvater“ der Wieslocher Familie Steingötter war?
Die Familien Steingötter und Greiff: Gerbereimeister, Schuhfabrikanten und angesehene Bürger, Geschäftspartner, Verwandte - und auch evangelische Christen.
Doch vor der Kirchenunion ging die Familie Steingötter in die lutherische Kirche, die Familie Greiff in die reformierte Stadtkirche.
…dass die Familien Steingötter und Greiff ihren Kirchengemeinden immer wieder wertvolle Gegenstände stifteten?
Im Jahr 1820 stiftete das Ehepaar Carl Philipp und Rosina Christine Steingötter der lutherischen Gemeinde in Wiesloch ein Altartuch - nur ein Jahr vor der Kirchenunion. In der Gemeinde hat man damals anscheinend nicht ernsthaft mit dem Verlust der Kirche gerechnet.
Portraits des Stifterehepaares Rosina Christine und Georg Carl Philipp Steingötter
Es heißt, die Stifterin Rosina Christine Steingötter und ihre Schwester Christiane Greiff (Töchter des lutherischen Posthalters Franz Christoph Koch) hätten das Garn für das Altartuch gesponnen.
Die erst 19 und 20 Jahre alten Kunstweber Karl und Michael Stocker aus Eichtersheim fertigten das Altartuch an. Sie arbeiteten daran fast ein ganzes Jahr und erhielten als Lohn dafür 120 Gulden.
Nach dem Abriss der lutherischen Kirche wanderte das Altartuch zusammen mit der anderen Inneneinrichtung nach Tairnbach.
Die Familie Steingötter soll danach noch lange an hohen Feiertagen von Wiesloch nach Tairnbach gefahren sein, um dort den Gottesdienst zu besuchen.
Doch auch in späterer Zeit zeigten sich die Familien Steingötter und Greiff in der evangelischen Kirchengemeinde spendabel, z.B. als sie gemeinsam Abendmahlsgeschirr für die Stadtkirche stifteten.
Seit 1985 wird das Altartuch von 1820 im Textil-Depot des Badischen Landesmuseums aufbewahrt.
hier ein Foto zum Download:
Lesetipp:
Wer über die Familien Steingötter und Greiff noch mehr erfahren möchte, sei auf einen interessanten Aufsatz von Karin Hirn hingewiesen:
„Made in Wiesloch: Aufstieg und Niedergang der »Vereinigten Leder- und Schuhfabrik Steingoetter-Greiff“ In der Zeitschrift: Badische Heimat, Heft 3, September 2017, S. 341ff., online abrufbar unter:
...dass früher einmal alle Kurpfälzer zur reformierten Kirche gehören mussten?
Im 16. und 17. Jahrhundert durften die Landesherren noch darauf bestehen, dass alle Untertanen dieselbe Konfession hatten wie sie selbst. Und wer einen anderen Glauben leben wollte, musste wegziehen in ein anderes Fürstentum. In den Gebieten des Kurfürsten der Pfalz (also auch bei uns) gab es darum über lange Zeit nur reformierte Gemeinden. In Schatthausen oder Tairnbach dagegen hatten die lutherischen Kraichgauer Ritter das Sagen. Der Bischof von Speyer wiederum, dem u.a. Rauenberg und Dielheim gehörten, duldete keine Protestanten in seinem Gebiet.
Was für ein Flickenteppich!
Doch nach den schrecklichen Kriegen im 17. Jahrhundert brauchte der Kurfürst dringend Menschen, die sein entvölkertes und zerstörtes Land wieder aufbauten. Da wäre er doch dumm gewesen, hätte er Zuwanderer abgewiesen, nur weil sie „das falsche Gesangbuch“ hatten!
Deswegen siedelten sich im 18. Jahrhundert in Wiesloch auch lutherische und katholische Christen an, lebten mit den reformierten Einheimischen mehr oder weniger friedlich zusammen und durften ihre eigenen Kirchen bauen.
Für uns heute ist ein ökumenisches Miteinander längst selbstverständlich geworden. Trotzdem: Man merkt einem Ort meistens heute noch an, ob er einmal einen katholischen oder einen evangelischen Herrscher hatte.
für weiter Interessierte hier noch eine Karte von ganz Baden. - Zur lutherischen Markgrafschaft Baden-Durlach (blaue Felder) kamen mehrere katholisch geprägte Gebiete (rot) sowie die ehemals reformierte Kurpfalz, in der es schon lange auch katholische und lutherische Gemeinden gab.
- oder direkt bei leo-bw Wiesloch hat die Nr. 50 nach dem Schlüsselverzeichnis zur Gemeindegrenzenkarte von Baden-Württemberg.