Glocken der Stadtkirche

  
Text: Heiko Feurer / Bilder: Alex Wolf
 
Im Jahr 2005 erhielt die Stadtkirche als Ersatz für ihre drei alten Stahlglocken, deren materialbedingte Lebensdauer überschritten war, vier neue Bronzeglocken. Dass dieses Geläute zu Erntedank 2005 erstmals seinen Dienst hoch über der Stadt versehen konnte, ist zahlreichen Menschen zu verdanken, die das Großprojekt finanziell und ideell unterstützt haben.

Das Geläute der Stadtkirche erklingt im sog. "Salve Regina"-Motiv (d' - fis' - a' - h'), nach dem gleichnamigen Choral auch "Wachet auf"-Motiv genannt.

Gegossen wurden die Glocken am 29.07.2005 von der Glockengießerei Bachert in Karlsruhe.

Die drei früheren Glocken sind auf dem Kirchplatz entlang der Außenwände des Chorraumes als Denkmal aufgestellt.
  
Disposition
Bilder der neuen Glocken von 2005
Bilder und Inschriften der neuen Glocken

Quelle: Alex Wolf (Collage Rudolf Leib)

I Frieden (d', Ø 140 cm, 1.600 kg)
Friedenstaube mit Inschrift "Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden (Lukas 2,14)"
II Johannes (fis', Ø 110 cm, 1.050 kg)
Weinstock mit Inschrift "Christus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben (Johannes 15,5)"
III Paulus (Betglocke) (a', Ø 95 cm, 570 kg)
Mystische Mühle mit Inschrift "Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet (Römer 12,12)"
IV Christus (Taufglocke) (h', Ø 85 cm, 410 kg)
Christus-Monogramm mit Inschrift "Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist (Römer 8,35)"
 
Bild vom Glockenbuch
das Glockenbuch

Quelle: Heiko Feurer

 
Die Namen "Christus", "Johannes" und "Paulus" wurden entsprechend der damaligen drei Pfarrgemeinden der Kirchengemeinde Wiesloch gewählt. Die Spenderinnen und Spender, die es erst ermöglichten, die neuen Glocken zu erwerben, sind im Glockenbuch aufgeführt.
 
 
 
 
Läuteordnung mit Hörbeispielen
 
Läuteordnung der Evangelischen Stadtkirche Wiesloch vom 29.4.2019: 
 
  Glocke I Gottesdienst zu Karfreitag/anlässlich einer Trauerfeier
  Glocke II Vorläuten 30 min vor dem Gottesdienst (im Hintergrund: Glockenspiel der Rathausuhr)
  Glocken I, II, IV Gottesdienst in der Passionszeit/zum Buß- und Bettag
  Plenum Alle anderen Gottesdienste und in der Neujahrsnacht: Volles Geläut
  
Die Vorgeschichte
Bild von einer alten Glocke
alte Glocke

Quelle: Alex Wolf

Am 11. Mai 1917 wurden die drei Bronzeglocken der Stadtkirche – die älteste stammte noch aus dem Jahr 1699 – beschlagnahmt und für Kriegszwecke eingeschmolzen. Auf der größten der ehemaligen Glocken wurde von diesem Schicksal der Vorgängerinnen erzählt:

"In Deutschlands Kampf um Ehr´ und Macht / Ward Glockenopfer froh gebracht. / Es war umsonst; in Not und Leid / Verging des Reiches Herrlichkeit."

Ob dieses Glockenopfer tatsächlich "froh" dargebracht wurde, kann man bezweifeln. Erst 1920 jedenfalls erhielt die Stadtkirche neue Glocken (Disposition dis', fis', a': Tritonus-Motiv), diesmal aber aus Stahl. So erklärt sich die Inschrift auf der mittleren Glocke:

"Was vordem ehern unser Mund, / Das tun wir jetzt in Stahl Euch kund."
Ankunft der Stahlglocken mit Festumzug am 29. August 1920

Quelle: Alex Wolf

     
 
Auf Grund ihrer Beschaffenheit haben die Glocken den zweiten Weltkrieg überlebt und dienten der Gemeinde bis 2005.
 
  Aufnahme des alten Geläutes (nur noch mit zwei Glocken)
 
Diese Stahlglocken hatten aber neben dem wenig melodischen Klang zwei gravierende Nachteile. Zunächst das im Vergleich zu Bronze hohe Gewicht: Beinahe vier Tonnen Stahl schwangen bei jedem Läuten auf unserem Kirchturm. Wer dabei zur Turmspitze schaute, konnte sehen, wie sich die Schwingungen auf das Mauerwerk übertrugen. Schlimmer noch als diese extreme Beanspruchung des Glockenstuhls: Stahl korrodiert, und so hatten auch unsere Glocken begonnen, von innen heraus zu rosten. Fachleute gaben den Glocken eine maximale Lebensdauer von 80 Jahren – diese Zeit war schon lange abgelaufen. Die Glocken mussten also durch kleinere, leichtere und länger haltbare Bronzeglocken ersetzt werden.

Aber nicht nur die Glocken, auch der Turm war sanierungsbedürftig. Ein Gutachter der Universität Karlsruhe hatte schwere Schäden festgestellt. Der Glockenstuhl – im Stil der damaligen Zeit ebenfalls aus Stahl – war nicht mehr standsicher und hatte an den Verbindungen Rost angesetzt. Im Mauerwerk hatten sich Risse gebildet. Das alles stellte eine erhebliche Gefahr dar – die mittlere Glocke durfte aus Sicherheitsgründen nicht mehr geläutet werden!

Die Zeit drängte also. Der neue Glockenstuhl konnte aus Kirchensteuermitteln und einem Zuschuss der Landeskirche bezahlt werden.

Die Glocken dagegen musste die Johannesgemeinde durch Spenden finanzieren: über 48.000 Euro wurden gesammelt, sodass das neue Geläute pünktlich zu Erntedank 2005 erstmals erklingen konnte. Die neuen Bronzeglocken werden hoffentlich viele Jahrhunderte im Kirchturm ihren Dienst hoch über Wiesloch versehen.
 
einige Bilder:
Bild von Gussformen
Die Formen für den Glockenguss

Quelle: Heiko Feurer

Bild vom Guss eienr Glocke
Der Glockenguss

Quelle: Heiko Feurer

Bild von der Anlieferung der neuen Glocken
Anlieferung der neuen Glocken

Quelle: Alex Wolf

Bild, wie eine Glocke in den Turm gebracht wird
Die Glocken werden in den Glockenstuhl eingeholt

Quelle: Heiko Feurer