von Benjamin Starke
Malsch/Rauenberg. Es war ein Musterprojekt der aufstrebenden evangelischen Gemeinden, das evangelische Gemeindehaus in Rauenberg an der Ecke Hauptstraße / Mühlgasse. Ein Haus tief verwurzelt mit der Geschichte der Weinstadt: Erst Kelterhaus der Winzer, dann Haus der Helfer für Feuerwehr und Rotes Kreuz, konnte es zu Beginn der 1990er-Jahre an die evangelische Gemeinde übergeben werden. Damals mustergültig als Gemeindehaus mit erweiterbarem Sakralraum, Gruppenräumen und Platz für Feste aller Art unter der Federführung des Architekturbüros Ruser (Karlsruhe), Pfarrer Hans-Georg Schmitz und Karl Eisenlohr (Ältestenkreis) errichtet, konnte die Gemeinde 1993 das Haus beziehen. Bis heute überzeugt der Bau durch seine Multifunktionalität und seine offene und zugleich einladende Architektur im Inneren. Künstlerisch erstrahlt das über mehrere Etagen in das Dach ragende Kunstglas-Fenster gestaltet vom bedeutendsten zeitgenössischen Glasbildner von internationalem Rang, Johannes Schreiter. Ein Kunstwerk welches das Blau des dahinter liegenden Waldangelbaches mit der Symbolik des für Rauenberg so wichtigen Weinstocks verbindet und damit den Himmel sowie die örtliche Gemeinde bildhaft in Transzendenz und Immanenz verbindet. Höhepunkt des Gemeindelebens war die Einweihung der Orgel im September 2002, bei deren Bau die Orgelbauer Jäger und Brommer (Waldkirch/Schwarzwald) mit der Königin der Instrumente neue Wege gingen und die großen Holzpfeifen der Subbaß-Oktave von Orgel und Empore umgekehrt nach unten abhängten.
Heute befindet sich die evangelische Landeskirche Baden mit dem „Strategieprozess EKIBA 2032“ in dem größten Transformations- und Reduktionsprozess ihrer Geschichte, so Gemeindepfarrerin Sandra Alisch am vergangenen Sonntag auf der Gemeindeversammlung im Malscher Paulushaus, zu der sich rund drei duzend Gläubige versammelt hatten. 1960 wären rund 1,3 Millionen Gläubige mit 1.300 Gebäuden in der Badischen Landeskirche organisiert, es habe sich eine Phase des Aufbruchs und des Wachstums in allen Bereichen angeschlossen. Heute, 2023, gehören der Landeskirche 1,1 Millionen Christen an, denen 2.100 Gebäude zur Verfügung stünden. Inzwischen habe sich der Trend umgekehrt bis 2060 erwarten die beiden großen Kirchen in Deutschland einen Rückgang der Mitglieder um rund 50 Prozent. Der demographische Wandel mache sich genauso stark bemerkbar wie andere Faktoren, so eine Freiburger Studie aus dem Jahr 2018, dies beinhalte auch eine Halbierung der Kirchensteuermittel.
Deshalb verordnet der Karlsruher Oberkirchenrat seinen Kirchenbezirken mit dem Strategieprozess eine Rosskur in den Bereichen Personal- und Gebäudestruktur. Ein Drittel des Personals (insbesondere Stellen der Pfarrer und Diakone) ist einzusparen, zudem werden die Mitarbeiter ab 2024 den neu errichteten „Pastoralen Regionen“ zugeordnet.
Die Region „Südost im Kirchenbezirk südliche Kurpfalz“ umfasst die Kirchengemeinden in St. Leon-Rot, Walldorf, Wiesloch mit Rauenberg und Malsch, Baiertal mit Dielheim sowie Schatthausen. Wie die neue pastorale Region strukturell und verwaltungstechnisch künftig aufgestellt werde, sei noch offen: „Ich kann noch nicht absehen, ob die neue Region auch eine neue Großkirchengemeinde wird, dies lässt die Landeskirche noch offen“, so Alisch.
Jede Region hat zudem ein Gebäudekonzept bis September 2023 zu erstellen, welches alle kirchlichen Gebäude in ein dreistufiges Ampel-Konzept einordnet, die jeweils rund ein Drittel groß sein müssen: Grüne Gebäude sind klimagerecht zu sanieren und bleiben erhalten; gelbe Gebäude sind zunächst unklar, deren Verbleib ist bis 2050 zu klären; rote Gebäude erhalten ab 2024 keine Kirchensteuerzuweisungen mehr und müssen anders finanziert, verwertet oder verkauft werden. Laut einem ersten Entwurf führt die rote Ampel die Gemeindehäuser in Rauenberg, Frauenweiler und Baiertal auf.
Hinzu käme ein Renovierungs- und Sanierungsstau des 30 Jahre alten Rauenberger Gemeindehauses, so Steffen Rotsch in seinem Bericht aus dem Bauausschuss der evangelischen Paulusgemeinde. Ein energetisches Gutachten habe ergeben, dass die blaue Holzfassade des Sakralbereichs und alle Fenster erneuert werden müssten. Zudem mache das Dach überraschender Weise größere Sorgen als gedacht: Ein Großteil der Ziegelpfannen sei gerissen und dadurch undicht, weshalb Regenwasser eindringe. Eigentlich müssten die Ziegel ersetzt werden, aber das Modell gäbe es nicht mehr, zudem müsste der unter den Ziegel liegende Holzdachstuhl erneuert werden, so Rotsch.
Bei der Gemeindeaussprache kochten die Wogen teils hoch. Da war zu hören, dass in Rauenberg und Rotenberg mit rund 1.130 Gemeindemitgliedern die meisten Gläubigen wohnten (im Gegensatz zu ca. 300 in Malsch) und jenen das Rauenberger Gemeindehaus genommen werde. Zudem wurde kritisch die Frage in den Raum gestellt, ob man bewusst in den letzten Jahren das Haus in Rauenberg mit der Instandhaltung vernachlässigt habe und nun als Folge das Haus nach 30 Jahren aufgegeben werden solle: „Ich wünsche mir, dass die Kirche im Dorf bleibt!“
Es wurden aber auch andere Stimmen laut: „Das ist ja Wahnsinn, was wir in den nächsten Jahren finanziell in unsere Gebäude stecken müssten, das Geld ist für Gemeindeprojekte notwendiger!“ Spontan entstanden erste Zukunftsideen wie ein Gemeindebus, um Mitfahrgelegenheiten zu ermöglichen oder die Zusammenarbeit mit den katholischen Gemeinden, Volkshochschulen und den politischen Gemeinden neu zu denken. Die Gemeindejugend appellierte den Glauben für junge Menschen in der neuen pastoralen Region aktiv zu gestalten und gute Angebote zu machen.
Pfarrerin Sandra Alisch sieht in der Notwendigkeit der massiven Reduktion die Möglichkeit zur Transformation, sich also für die Zukunft zu rüsten. „Auch 2032 wollen wir evangelische Kirche erfahrbar machen und Menschen sollen sich in unserer Gemeinde mit der Kirche verbunden wissen. Dies bedeutet aber auch ein >>einfaches weiter so wie bisher<< kann es nicht geben!“
Weitere Informationen zum Strategieprozess "ekiba 2023" finden sie auf der Homepage der "Evangelischen Landeskirche in Baden" unter: https://ekiba.de/infothek/landeskirche-strukturen/ekiba-2032/