Vier Jahre Bürgerkrieg in Kamerun: Kirchen fordern Engagement der deutschen Bundesregierung

Karlsruhe/Mannheim/Wolfenweiler, (26.11.2020). Seit November 2016 haben mehr als 700.000 Kinder in Westkamerun keine Schule gehabt. Zusammen mit ihren Eltern leben sie in Wäldern oder sind auf der Flucht. Sie leiden unter der Corona-Pandemie und dem Bürgerkrieg in den englischsprachigen Provinzen im ansonsten französischsprachigen Kamerun. „Die einzige Lösung für diesen blutigen Krieg ist ein Waffenstillstand unter der Moderation anderer Länder und Institutionen, doch die Menschen sterben und die Welt schweigt!“, formuliert Freddy Ken, Leiter der Mannheimer Gemeinde der Presbyterian Church of Cameroon (PCC), die Verzweiflung der in Deutschland lebenden Kameruner. Der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden, Jochen Cornelius-Bundschuh, sieht die deutsche Regierung in der Verantwortung: „Besonders jetzt während der EU-Ratspräsidentschaft sollte Deutschland auf Frankreich und auf den frankophilen Präsidenten Kameruns einwirken, der Gewalt Einhalt zu gebieten. Die Menschen in Kamerun brauchen Frieden, damit sie sicher zu Hause leben und ihr Land aufbauen können.“

Trotz Bedrohung und der Pandemie finden die Menschen Halt und Gemeinschaft im Gottesdienst.

Quelle: PC Kumbo, Kamerun - eingebettet von www.ekiba.de

„Wir leben in ständiger Angst“, berichtet Pfarrer Alfred Moto-poh aus seiner PCC-Gemeinde in Ekona in den umkämpften Gebieten. Die PCC ist Partnerkirche der badischen Landeskirche. Zusammen mit seiner ehemaligen Gemeinde in Wolfenweiler bei Freiburg hat Alfred Moto-poh ein Wiederaufbauprojekt für Ekona entwickelt. Die Bauern dort lebten im Busch, erzählt er, nur am Samstag verkauften sie ihre Erträge auf dem Markt, am Sonntag nach dem gemeinsamen Gebet kehrten sie zurück in die Wildnis, um sich zu verstecken. Alle Geschäfte seien geschlossen, die Schulen ebenso. Die Gebäude seien zerstört oder hätten Einschusslöcher.
 
„Unsere Geschwister in Kamerun versuchen seit 2016, die immer tiefere Spaltung Kameruns zu verhindern. Doch die brutale Gewalt des Militärs hat den bewaffneten Separatisten in den anglophonen Gebieten Auftrieb gegeben. Sie bedrohen inzwischen die Bevölkerung genauso wie die angeblichen Sicherheitskräfte. Deutschland hat bis vor wenigen Jahren die Ausbildung genau dieses Militärs unterstützt“, betont Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh. Deshalb habe er, genauso wie andere Kirchenvertreterinnen und -vertreter, an die Bundesregierung und Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags appelliert, sich der Verantwortung zu stellen und Einfluss geltend zu machen für eine friedliche Lösung. Erst im September 2020 hat sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, an Außenminister Heiko Maas gewandt und um Unterstützung Deutschlands und der Internationalen Gemeinschaft gebeten.
 
Zu diesem Zeitpunkt hatten auch in Kamerun die Schulen nach der ersten Welle der Corona-Pandemie im französischsprachigen Teil wieder geöffnet. Einige Schulen in den anglophonen Provinzen wollten dies auch versuchen. Doch die Folge dort waren erneut Entführungen und brutale Angriffe auf Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte. Sieben Schüler kamen ums Leben. Das Militär und die Separatisten geben sich dafür gegenseitig die Verantwortung. Die Kirchen setzen sich weiterhin für eine Deeskalation ein. So schrieb der Bischof der PCC, Moderator Samuel Fonki, einen Bittbrief an die Entführer von Lehrkräften und konnte tatsächlich deren Freilassung erreichen. Der Anfang November selbst entführte katholische Kardinal Tumi appellierte nach seiner Freilassung an Kameruns Präsident Paul Biya, das Militär in die Kasernen zurück zu beordern. Nur dies ermögliche Frieden und dass Kinder in die Schule gehen könnten.
 
„Die Menschen sind krank, müde und total deprimiert von der aktuellen Situation. Sie beten für Frieden. Dies ist eine ernste humanitäre Krise. Es ist dringend notwendig, dass das Leben zur Normalität zurückkehrt“, beschreibt Pfarrer Moto-poh die Lage. Von 2012 bis 2017 war er ökumenischer Mitarbeiter der badischen Landeskirche und arbeitete in der Gemeinde Wolfenweiler mit. Die badische Gemeinde hat jetzt Projektgelder für den Wiederaufbau in Ekona bei der Stiftung Entwicklungszusammenarbeit des Landes Baden-Württemberg beantragt. „Die Menschen brauchen dringend eine Perspektive“, sagt die dortige Pfarrerin Christine Heimburger. Durch das kirchliche Netzwerk sei immerhin „gewährleistet, dass das Geld auch vor Ort ankommt“.
 
Die Zweiteilung Kameruns in englische und französische Provinzen, mit jeweils Bildungsinstitutionen und Justiz nach englischer oder französischer Tradition, ist ein Erbe der Kolonialzeit. 2016 jedoch ließ die Zentralregierung unter Präsident Paul Biya französische Lehrkräfte an die englischsprachigen Schulen versetzen, die Justiz in den anglophonen Provinzen wurde mit frankophonen Juristen besetzt, die das Rechtssystem der westlichen Provinzen nicht kannten. Die Lehrerinnen und Lehrer in den englischsprachigen Provinzen traten deshalb im November 2016 in einen Streik. Dieser Streik weitete sich aus und führte bald zu brutaler Unterdrückung durch das Militär der Zentralregierung und schließlich zur Eskalation durch bewaffnete Separatisten, die seither mit Waffengewalt die Abspaltung der englischsprachigen Provinzen fordern. Mehr als 3000 Menschen sind dabei ums Leben gekommen, weit über 700.000 Menschen sind auf der Flucht. Da auch das Gesundheitssystem zerschlagen wurde, tobt die Corona-Pandemie im anglophonen Nordwesten unaufhaltsam. Auf der Liste der meist vernachlässigten Konflikte, die der Norwegische Flüchtlingsrat (NRC) jedes Jahr herausgibt, steht der Bürgerkrieg in Kamerun seit Jahren an der Spitze.
 
  
 
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