„Jugendlichen fehlt es, zusammen abzuhängen“

Interview mit Landesjugendpfarrer Jens Adam zu den Auswirkungen der Corona-Krise

Karlsruhe, (04.06.2020). Wie funktioniert evangelische Jugendarbeit in Zeiten der Corona-Krise? Und was treibt junge Menschen derzeit um? Interview mit Jens Adam, Landesjugendpfarrer der Evangelischen Landeskirche in Baden.

Es herrscht das Vorurteil, dass Jugendliche sowieso die meiste Zeit digital unterwegs sind. Selbst wenn sie zusammen sind, starren sie oft gemeinsam auf das Smartphone. Lassen sich die Jugendlichen dann in dieser Zeit der Corona-Krise von kirchlicher Jugendarbeit besonders gut auf digitalem Weg erreichen?

Jens Adam: Gerade jetzt wird sehr deutlich, wie sehr auch Jugendliche direkte Beziehungen brauchen. Ohne die direkte Begegnung – ohne gemeinsames Abhängen, Freizeiten, am Abend zusammen sein oder etwas zu erleben – ist kirchliche Kinder- und Jugendarbeit nicht denkbar. Das ist uns, gerade weil derzeit vieles digital läuft, sehr deutlich geworden.
Wir merken das Defizit sehr schmerzhaft. Natürlich kann man über die sozialen Medien mit Jugendgruppen den Kontakt halten, der bereits vorher vorhanden war. Aber beispielsweise gemeinsam etwas zu bauen oder zu unternehmen und nebenbei ein Gespräch über Gott und die Welt zu entwickeln – das ist eine riesige Chance, die bei digitalen Angeboten verloren geht.
 

Haben Sie das Gefühl, dass Jugendliche digitale Angebote inzwischen satthaben?

Jens Adam: Ich habe vor allem den Eindruck, dass Kinder und Jugendliche in dieser Zeit „zugeballert“ werden mit digitalen Materialien und Angeboten – und nicht alle haben die entsprechende Technik zuhause, das auch zu nutzen. Noch mehr gute digitale Angebote machen dieses Defizit nicht wett, auch wenn sich im Bereich Fortbildung und Gremien derzeit einiges getan hat. Wir können aus der Krise auch viel lernen, welches Format man danach übernehmen kann. Sicher ist es sinnvoll, auch weiterhin digitale Angebote als Ergänzung oder Erweiterung zu nutzen. Wenn wir Kirchen wieder öffnen, müssen wir andere Formate ja nicht beenden, manches kann weiterlaufen. Gerade für Jugendliche kommt beispielsweise unter den derzeitigen Schutzbedingungen beim Jugendgottesdienst kein Flair auf, da kann man besser beim Online-Format bleiben.

Im Sommer bietet die Evangelische Jugendarbeit ja sehr viele Kinder- und Jugendfreizeiten an. Wie wird das dieses Jahr gehandhabt?

Jens Adam: Derzeit arbeiten wir an der Herausforderung, wie es uns unter diesen Bedingungen gelingen kann, sozial unserer Verantwortung gerecht zu werden und Angebote für Jugendliche zu machen. Wenn wir dieses Jahr keine Freizeiten in Italien oder in anderen Ländern durchführen können: wie können wir für Kinder und Jugendliche hier bei uns Begegnungen bieten und dabei gleichzeitig unsere Fürsorgepflicht wahrnehmen, um die Infektionsgefahr zu verringern? Die Evangelische Jugend in Baden prüft gerade, welche Freizeitarbeit derzeit möglich ist – als Stadtranderholung, in Kletterparks, als Zirkuspädagogik und andere Formen der Erlebnispädagogik – alles eingebunden in eine niederschwellige Vermittlung von Glaubensinhalten.

  

Alexandra Weber

Stellvertretende Pressesprecherin